Swanetien

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Die Krone des Hohen Kaukasus

Mestia – Chalaati-Gletscher – Koruldi-Seen – Ushba-Gipfel

 

Wir befinden uns in Oberswanetien, in Mestia, auf 1500 m. Die abwechslungsreiche Landschaft, mit ihren Gletschern und Hochebenen ist reich an vielfältigen Pflanzenarten, da der Große Kaukasus vor dem kalten Klima des Nordens schützt, und das Schwarze Meer für die notwendige Feuchtigkeit sorgt. Die Swanen pflegen ihre alten Bräuche und die Alten sprechen noch eine eigene Sprache - eine, die junge Georgier wohl gar nicht mehr verstehen. Wir stehen mit unserem Übersetzungsprogramm hier ohnedies bald an. Außer wenn wieder mal Enkelkinder aus der Stadt zu Besuch sind und ausgezeichnetes Englisch sprechen.

Die Berge hier im Hohen Kaukasus haben es uns wirklich angetan. Gleich am zweiten Tag wandern wir zum Chalaati-Gletscher – ein wunderschöner Ausflug. Auf einen Pause-Tag folgt dann wieder Aktion. Bei Kaiserwetter gehen wir Route 19 des „Explore Georgia“-Offroad Führers an – mit dem Motorrad zu den Koruldi-Seen mit Blick auf die beiden Ushba-Gipfel. Wir starten von unserem Stelllatz auf 1500 m und los geht`s. Die Piste windet sich in teils engen Serpentinen nach oben, sehr ausgewaschen und extrem staubig, aber kein Problem zu zweit. Kurz vor den Seen wird die Piste aber so steil, dass wir uns beide weit nach vorne lehnen müssen, damit das Vorderrad nicht hochkommt. Verständlicher Weise geht es beim Bergabfahren dann in umgekehrter Richtung. Ich lehne mich auf meiner Rückbank so weit wie nur möglich nach hinten, um irgendwie Gewicht aufs Hinterrad zu kriegen, damit dasselbe uns nicht seitlich überholt. Aber wie gesagt…. Ich bin eine der besten Mitfahrerinnen J.  Im unteren Bereich noch Schwierigkeitsgrad 2, verspricht die Route im oberen Drittel, nach den 3 Seen, Schwierigkeitsgrad 5. Hier geht es nur noch ohne mich am Rücksitz weiter. Die letzten 500 Höhenmeter testet Christian also alleine. Ich höre noch eine Zeit lang das Geräusch der hohen Drehzahl, anfangs sehe ich auch noch eine Staubfahne, irgendwann aber verschwindet der kleine Punkt ganz in der Wand. Er kommt gottseidank heil, wenn auch völlig eingestaubt, mit wunderbaren Bildern zurück. Einer der Ushba-Gipfel hat kurzfristig übrigens mal Österreich gehört. Nachzulesen unter:  http://de.wikipedia.org//wiki/Cenzi_von Ficker 

Ich genieße inzwischen das herrliche Rundumpanorama auf der Hochebene. Einzig die freilaufenden Pferde irritieren mich ein bisschen, wenn sie so ungestüm an mir vorbeigaloppieren. Meinen Versuch Apfel und Jausenbrot genüsslich auf der Wiese zu verzehren, gebe ich gleich auf und „verstecke“ mich damit lieber hinter einem PickUp, der mir Schutz bietet. Pferde sind einfach nicht Meins – die sind mir zu großJ.

Zurück in Mestia besuchen wir erneut, wie verabredet, das kleine Guesthouse von Lala und Levan, die so freundlich waren, unsere Wäsche zu waschen. Und wie schon beim ersten Mal, müssen wir auch diesmal Platz nehmen, essen und trinken! Mit Kaffee und Kuchen wird begonnen, aber gleich drauf kommt wieder Chacha (georgischer Schnaps)…. und da gibt es keine Widerrede, egal zu welcher TageszeitJ. Levan ist Tierarzt, macht jetzt aber allerhand anderes, da es für ihn als Veterinär hier keine ausreichende Arbeit mehr gibt. Nach einem Ruhetag mit Haus- und Büroalltag, Pausen in der Badegumpe und einfachem Nichtstun, erkunden wir die alten Gemäuer in Mestias.

Typisch für das Landschaftsbild sind die swanischen Türme, Überreste der Verteidigungsstruktur des frühen Mittelalters. Die Swanen sind bekannt für ihre Tapferkeit und so wurden in früheren Jahrhunderten die kostbarsten Schätze Georgiens bei drohenden Angriffen nach Swanetien gebracht. Es wird vermutet, dass die griechische Legende der Argonauten hier ihren Ursprung hat. Gold aus den Flüssen Swanetiens mit Hilfe von Schafshäuten zu gewinnen, war eine uralte Praxis. Das Goldene Vlies, nach dem Jason gesucht hatte, könnte also von hier stammen.

Die typischen Wohnhäuser dieser Zeit nennt man "Matschubis". Ein großer Raum mit Feuerstelle in der Mitte, einem thronartigen Sessel für den Patriarchen und niedrigeren Bänken für den Rest der Familie. Frauen hatten im Vergleich zu den Männern Bänke ohne (!!!) Lehne.

Wir fahren mit dem Motorrad in einen sehr abgelegenen Teil von Mestia, sehr ärmlich, Vieles ist verfallen, ausnahmslos bäuerlich. Ein alter Mann hat Christian schon am Vortag seinen Turm gezeigt. Heute, mit Stirnlampen ausgestattet, darf auch ich mit. Wir treffen auf seine Nichte, die gutes Englisch spricht und erzählt, dass ihr Onkel früher in Russland gelebt hat, seit dem Krieg aber hier ein Zimmer bezogen hat. Ein Zimmer, was soll ich sagen, ein dunkler Raum im ersten Stock dieses ohnedies schon baufälligen Gebäudes, blanker Betonboden, ein simples Eisengestell als Bett und eine Kiste als Tisch. Mehr kann ich in diesem schummrigen Licht nicht erkennen. An der Rückwand seines "Zimmers" geht es über eine klapprige Leiter in ein Loch, das in den Turm führt. Ebene um Ebene klettern wir auf baufälligen Leitern nach oben. Der Boden einer Ebene ist mit Tierknochen gepflastert, es knirscht unter unseren Schuhen. Ich habe immer Sorge, dass dieser alte Mann die steilen Leitern wohl sicher rauf und auch wieder runter kommt. Aber alles scheint ihm hier vertraut. Er hätte keine Stirnlampe gebraucht, wir schon. Oben sitze ich mit ihm dann auf dem schwindligen Schindeldach und wir blicken beide in die swanetische Landschaft. Ich habe das Gefühl, dass er stolz darauf ist. Eine sprachliche Kommunikation ist uns ja leider beiden nicht möglich. Wie schon oft auf dieser Reise wünsche ich mir, ich könnte ein paar Worte russisch - leider nein. So fahren wir wieder zurüc zu unserem Standplatz - mit vielen Eindrücken und Gedanken im Kopf.

Manchmal dauert es, wie Christian meint, sich an einen Standplatz zu gewöhnen und manchmal fährt man wieder ab, bevor sich dieses gute Gefühl überhaupt eingestellt hat. Dieses Mal, und das passiert uns hier in Georgien jetzt schon wiederholt, fühlt es sich sehr rasch so an, als dass wir uns ein kleines bisschen heimisch fühlen. Ein Platz am Fuße der Berge, neben uns der Gletscherfluss, Tim hat bereits in den Tagen davor wieder ein richtig cooles Flussbad mit Steinen ausgelegt, neue wie auch alt bekannte Reisende finden sich ein, ein rundum angenehmer Aufenthaltsort. Bereits ab dem zweiten Tag haben wir quasi einen „Dorfplatz“, an dem sich zumindest abends alle einfinden. Wir essen, tratschen und genießen die gemeinsame Zeit. Tagsüber macht jeder so sein Programm, manchmal gemeinsam mit anderen oder eben auch alleine. Geschichten machen wieder die Runde, persönliche wie auch solche aus aller Welt. Und manchmal drängt sich auch die Politik in unsere Mitte – ein Austausch auf allen Ebenen. Nicht ohne Grund verbringen wir hier 7 (!) Nächte am Stück!