Hinter der Fototapete

 

Wir spazieren durch Gam City, durch Kapisawar und Sawanderek, kleine Ansiedlungen auf kleinen Inseln irgendwo in Raja Ampat. Ein weiterer Ausflug bringt uns nach Aborek, ein schon etwas größeres Dorf auf einer belebteren Insel. Mein Eindruck bleibt derselbe - irgendwie trostlos.  Der Hauptweg ist stets mit blauen Zäunen und Buschwerk markiert, dahinter kleinste Häuser, eher Buden, noch weiter hinten sehr viel Müll. Männer sägen oder hobeln vereinzelt an Brettern, Frauen tragen ihre Babies spazieren, vielleicht wäscht jmd gerade Wäsche in einem Trog. Meist gibt es ein bis zwei kleine Läden. Zu kaufen gibt es Instantsuppen, wenige Sanitärartikel, Cookies, Junkfood, Zigaretten und manchmal Cola und Bier. Einen richtigen Markt haben wir nirgends gesehen. Ein kleiner Stand bietet Miniportionen an Gemüse bloß auf Tellern an,  so gering sind die Mengen. Ganz wenige Häuser haben kleine Gärten, wirkliche Ernteerfolge kann ich nicht ausmachen. Fast alle kauen Betelnüsse, die Speichel und Zähne purpurrot färben. Ich habe die roten Spuckflecken am Boden immer schon extrem ekelig gefunden. Meist sind die Menschen freundlich, Kinder winken und lachen, Erwachsene grüßen. Manchmal wirken sie aber auch sehr reserviert. 

"Have you been in this nice Village? It's so marvellous, the children are so cute...." singt meine etwas aufgedrehte kanadische Nachbarin im Homestay. Ich bleibe trotzdem dabei - ich finde es trostlos. So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein. 

Ich schaffe es gerade wieder einmal nicht, meine Sozialisationsfilter auszublenden, meine gesellschaftlich gefärbte Brille abzunehmen. Die Fragen nach dem "wie kann man so spartanisch leben" und "warum macht ihr nicht mehr daraus" hängen schwer in der Luft. Wenn ich manchmal verstohlen in eines der Häuser oder Zimmer schaue, sehe ich nur eine Matratze am Boden, event eine schäbige Kochstelle, ein schmuckloses Regal, einen Vorhang als Raumteiler, Kleiderhaken an einer Leine, Kartons in einer Ecke und immer viel Müll im und vor dem Haus. Hübsch gestaltet ist hier nichts. Ich glaube nicht, dass das an zu geringen Mitteln liegt, es gibt ganz einfach kein Bedürfnis danach, sie brauchen diverse Annehmlichkeiten einfach nicht. Und ich bleibe auch dabei - viele sind schlichtweg faul. Mein Unverständnis bleibt, ich kann's nicht leugnen. In unseren letzten drei Guesthäusern, ziemlich weit draußen auf den Inseln, war auch ihr Bemühen um uns Gäste extrem mager. Hütten und Essen sehr minimalistisch, ohne Aufforderung funktionierte fast nichts. Und das, obwohl die Preise für Indonesien hier deutlich höher sind als im Rest des Landes. Zugegeben, ihr Minimalismus lässt ihren Fußabdruck auf diesem Erdball deutlich kleiner ausfallen - trotz der Müllberge hinter ihren Hütten. Chapeau! Da können wir nicht mithalten.

Aber in dieses oft gesungene Loblied mancher Traveller über das so wunderbar einfache Insel-Leben und die liebenswerten Menschen hier kann ich nicht einstimmen. Mir erscheint dieser "Song" wie ein wiederkehrender Refrain, den man sich halt merkt - vom Bintang im Sonnenuntergang, vom freundlichen Lachen der Kinder, vom lustigen Schnorchelausflug, vom azurblauen Meer und den schönen Korallen und von der für mich  fast schmerzhaften Gelassenheit der Menschen. Wenn wir ehrlich sind, bleibt die Romantik doch nur erhalten, weil wir ein Rückflugticket in der Tasche haben. Spätestens dann nämlich schließt sich das Fenster wieder und wir kehren zurück in unsere Welt mit all ihren Annehmlichkeiten. Wohl kaum jemand würde es für den Rest seines Lebens in dieser Einfachheit aushalten wollen. Diese völlig anders strukturierte Gesellschaft lässt uns ganz rasch an Grenzen stoßen, sobald wir nur kurz mal unsere eigenen Denkmuster anzuwenden versuchen. No way - völlig unmöglich! Und hier in Raja Ampat ist alles nochmal extremer - weit weg von allem, was man von Asien so kennt.

Nun also die Frage an mich selbst, warum reise ich hierher? Warum tue ich mir das an? Gibt's so herrliche Natur nicht auch anderswo? Was macht es trotz Kritik besonders und schließlich auch wertvoll für mich?

In den vielen Stunden hier auf den Inseln, meist ohne jegliche Ablenkung, weil es nun mal nichts gibt, hat sich ein Gedanke immer wieder in den Vordergrund gedrängt: Wir sind hier verdammt nahe an der Realität dran! Das klingt banal, bekam aber wirkliche Bedeutung für mich. Wahrscheinlich leben 80 % der Erdbevölkerung dieses einfache und wohl noch einfacheres Leben. Wir haben es schon an unzähligen Orten auf allen Kontinenten gesehen und erlebt. Ich bin froh, dass ich es nicht leben muss. Aber ich sehe es als bereichernde Erfahrung, diesem einfachen Leben zumindest ansatzweise immer wieder nahe zu kommen. Ein bisschen beweist es mir, „dass ich es kann“ - für kurze Zeit und mit Heimflugticket in der Tasche, schon klar. Doch es bedeutet tatsächlich Befriedigung für mich zu wissen, dass ich mit Freude für eine gewisse Zeit in diese so andere Welt einzutauchen vermag, ohne mich abzuwenden oder mich zu fürchten, ohne dass es mich anwidert. Irgendwie gibt es mir ein Gefühl der Resilienz und einer gewissen Stärke, nicht vom Rundum-Sorglos-Paket Mitteleuropas abhängig zu sein. Eben ein Stück näher an jenem Leben zu sein, das eine Vielzahl der Menschen dieser Erde lebt. Ich finde einiges nicht richtig, bemühe mich aber, nicht darüber zu urteilen – auch wenn es mir nicht immer gelingt. Es bleibt ja doch ihr Leben, ihre Entscheidung, auch wenn sie inmitten von Müll am Boden sitzen. 

Ich wünsche jedem für sein Tun, sofern es selbstbestimmt ist,  auch eine sinnvolle Erklärung und somit Bestätigung zu finden, warum er es gerade auf diese Art und Weise tut. Also auch jedem Reisenden die Gewissheit, dass die gewählte Art des Reisens für ihn die richtige ist. Alles andere wäre ja schade um die Lebenszeit. 

Mit diesem guten Gedanken, es nicht ganz verkehrt zu machen, wandere ich jetzt spät abends nochmal über den klapprigen Holzsteg zum allgemeinen Mandi-Bad, nehme eine letzte erfrischende Abkühlung mit der Schöpfkelle und lege mich dann wieder auf meine einfache Matratze in unserer kleinen Hütte unter das Moskitozelt.