Ins " Tal der Glücklichen "

Wir verlassen die Küste und fahren wieder ins Landesinnere. In Marrakesch beschließen wir, nur den Campingplatz anzufahren, weil ein weiterer Besuch in einer weiteren Medina entlang weiterer Souveniergeschäfte vorbei an weiteren Händlern und allfälligen weiteren Schleppern uns für den Moment zu mühsam erscheint. Dazu haben wir ganz sicher wieder Lust, aber dann auf der nächsten Marokkoreise.

Über Land zu fahren kann auch sehr bequem sein. Einige der großen Durchzugsstraßen sind wirklich hervorragend ausgebaut und wir können durchaus mal 90 km/h fahren. Nur Unaufmerksamkeit wird postwendend bestraft. Auch auf solchen Straßen können ganz plötzlich Schlaglöcher oder Erhebungen quer über die Fahrbahn auftauchen, als ob sich ein Riesenwurm unter dem Asphalt hindurchgebohrt hätte. Und dann hebt`s unseren armen Styros gleich aus, beutelt ihn und uns auch – gut, also wieder vier Augen aufmerksam nach vorne gerichtet!

Der König hat es sich zum Ziel gemacht, jedes Dorf, jedes Tal so rasch wie möglich mit Straßen und Strom zu versorgen. Dass ein funktionierendes Wegenetz der Anfang allen Wohlstandes ist, haben die Römer bei uns schon früh erkannt. Und auch hier bringt dies für die Bevölkerung große Erleichterung. So kann eine Straßenkarte allerdings gar nie aktuell genug sein. Eine Piste verändert sich zur gut ausgebauten Straße und eine einst  akzeptable Straße verfällt demzufolge zur löchrigen Schotterpiste. Und somit gilt – you never knows – und besser man fragt andere Reisende nach dem aktuellen Stand. Vielleicht geht manche Modernisierung auch ein bisschen zu rasch, das mag sein.

 

Dann allerdings wollten wir es noch einmal wissen. Eigentlich sollten die letzten Tage ja besonders ruhig verlaufen, ohne Aufregungen, kürzere Fahrzeiten, genügend Pausen ect. Ganz ist es noch nicht gelungen. Wir wollen in das wunderschöne Tal Ait-Bougoumez - das "Tal der Glücklichen ". Wir wählen einen Shortcut direkt von Marrakesch kommend wieder mal quer durch über den Hohen Atlas. Der bleibt nun mal beständiger Begleiter, wenn man dieses Land bereist. Eine Straße, die dann zur Piste wird, doch angeblich gut befahrbar sein soll, so lautet die Info. Und ja, sie ist befahrbar und zum Teil sogar geteert. Doch 7 Stunden rauf und runter, um unzählige Kurven, 3 Pässe über 2300 Meter Höhe, über ausgewaschenen Asphalt und holprige Schotterpisten zu fahren, besser zu schleichen, weil mit Speed geht hier gar nichts mehr, das kann schon auch ganz schön anstrengend sein. Die starken Regenfälle im vergangenen Winter zeigen auch jetzt noch ihre Spuren. Viele Abschnitte sind ausgewaschen, von den Berghängen bröckelt es immer wieder auf die Fahrbahn und tiefe Löcher zwingen uns dazu die Geschwindigkeit fast auf Null zu reduzieren. Manche Dorfdurchfahrt ist so eng, dass wir nicht sicher sind, ob unser 8m-Gefährt hier um die Hausecke kommt – es hat geklappt, braucht nur ein bisschen Mut, gutes Augenmaß und Zuversicht. Aber so wird eben eine relative kurze Strecke schon mal zu einer Tagesetappe.

Und je weiter wir in diese abgelegenen Täler vordringen, desto drastischer werden auch die Veränderungen zur modernen Küstenregion. So haben wir zwar wenig Gegenverkehr, was uns freut, dafür steigt aber die Anzahl der Esel proportional dazu. Vielleicht haben wir auch deshalb so oft das Gefühl uns eher auf einem Eselpfad denn auf einer Straße zu befinden. Die Dörfer kleben förmlich an den Hängen, manchmal kaum sichtbar, da die Farbe ihrer Dächer mit jener der Felswände verschmilzt. Hier dominiert dunkles Braun, nicht Rot und Rosa, wie wir es aus dem Antiatlas kennen. Die Menschen leben hier ausschließlich von der Landwirtschaft und die meisten führen ein sehr einfaches  Leben. Allerorts beobachtet man, wie sie Holz für den Winter sammeln und auch die letzten Grünpflanzen für die Tiere ins Sichere bringen. Ganz bestimmt wird es spätestens in ein paar Wochen hier richtig kalt werden – kühl ist es auch jetzt schon, wenn die Sonne mit ihren wärmenden Strahlen ausbleibt.

 

Das Wetter hat sich in den letzten Tagen etwas verändert. Das strahlende Blau ist leider ausgeblieben und besonders hier wird sehr deutlich, dass wir uns bereits recht spät im Jahr befinden. Die Felder liegen brach, nichts blüht mehr und jegliches Grün scheint dem Graubraun zu weichen. Als wir unsere Reise begonnen haben, war dies noch anders. Nun gut, Marokko hat Jahreszeiten und Wetter und Klima zollen ihnen Tribut. Ein bisschen schade für uns aber so bleibt dieses wunderschöne Tal uns ganz bestimmt für einen zweiten Besuch als lohnenswertes Ziel erhalten. Wir besuchen auch jene Schule – die Ecole Vivante - die von Weltweitwandern-Graz mit unterstützt wird und bringen für Christian Hlade ein paar Fotos mit nach Hause. Ein interessantes und ambitioniertes Projekt, geleitet von einer Deutschen, die mit einem Marokkaner aus eben diesem Tal verheiratet ist. Die allgemeinen, öffentlichen Schulen unterliegen sehr stark archaischen Lehrmethoden, erzählt sie uns, und sie versuchen nun Neues zu etablieren. Es ist ihnen ein Anliegen, den Kindern näher zu bringen, dass im vermeintlich goldenen Europa  auch nicht unbegrenzt  Milch und Honig fließen und dass Heimat bewahrt und erhalten werden muss, damit sie lebenswert ist und bleibt. Vernetztes und vor allem gewaltfreies Lernen in einer sich fast zu rasch modernisierenden Gesellschaft – ein großes Ziel. Die Schule ist staatlich anerkannt, finanziert sich allerdings nur aus Spendengeldern und dem Schulgeld all jener, die eben auch etwas beitragen können.

Nach diesem wohl letzten Ausflug über die Dörfer machen wir uns wieder auf, natürlich wieder entlang unzähliger Kurven, rauf auf Pässe, runter in Täler, um zurück  in die Ebene, nun schon nördlich des Atlas zu gelangen. Unser Ziel ist diesmal wieder ein Campingplatz, wo wir nochmal unsere Reisebekannten aus Salzburg treffen – und ganz plötzlich wird Marokko scheinbar wieder klein und fast schon vertraut.