Marokko inside
Ein Land im Wandel
Marokko hat in den letzten 10 Jahre große Veränderungen erfahren. Traditionen sind geblieben, der Weg in die Moderne hat aber Fahrt aufgenommen. In diesem Übergang ist es nie ganz einfach für eine Gesellschaft. Die Hinwendung zum Neuen, bedeutet nicht selten die Aufgabe des Alten.
Wir kommen durch Dörfer, die eigentlich ordentlich herausgeputzt sind, also bewohnt, doch scheinbar menschenleer. Mauern rund um jedes Haus dominieren das typische Bild marokkanischer Ansiedlungen. Wir sehen nichts, wir hören nichts. Immer wieder halte ich Ausschau nach Frauen. Am Land sehe ich sie nur am Gemüsemarkt oder mit ihren noch kleinen Kindern am Arm. Ob Mutter, Oma oder Schwester ist oft nicht erkennbar. Verschleiert sind sie fast alle.
Wir sind im Hohen Atlas, im Reich der Schaf- und Ziegenhirten. Einsam angebundene Esel am Straßenrand geben ein trauriges Bild ab und ihr herzzerreißender Ruf fordert nach Veränderung. Schwer bepackt sieht man Frauen und Männer gesammeltes Feuerholz zu ihren sehr einfachen Häusern tragen. Das Leben hier ist sehr hart. Aber JA, es hat sich viel getan in den letzten 10 Jahren. Neue Straßen wurden gebaut, Strom gibt es fast überall.
Dann in einem ganz abgelegenen Tal, nur mit dem Motorrad zu erreichen, gleichen Häuser eher Verschlägen. Im Inneren ein kleiner Gasofen, am Boden nur ein Teppich. Wir bringen Hustensaft und Heilsalbe mit. Ich möchte es übersetzen, aber diesen Dialekt kennt das Handy nicht. Lesen Fehlanzeige. Ich zeige, wofür es ist, ich deute, ich „huste vor“. An einem Ort Verständnis, am nächsten eher nicht. Ich stelle mein Ansinnen in Frage.
Fahren wir durch eine Ansiedlung in den Bergen, kommt uns fast immer eine Schar Kinder entgegen, sobald wir die Geschwindigkeit reduzieren. Es wirkt befremdlich, wenn beinahe ausnahmslos jedes Kind die Geste zum Betteln ansetzt. Es heißt heute auch nicht mehr nur „Bonbon“ oder „Stylo“, heute heißt es oft „l`argant“ – also Geld. Solange ihre Eltern sie gewähren lassen, wird sich daran nichts ändern.
In der Wüste erscheint mir das Leben fast leichter. Dort ziehen die Hirten mit ihren Dromedar-Herden, heute meist mit dabei ein PickUp, der Decken, Gasofen u.Ä. für das Nachtlager mitführt.
Dann in Marrakesch, vieles hier ist sehr modern. Wir haben genug von Tajin und Couscous, finden ein Thai Restaurant. Der Kellner spricht gutes Deutsch mit uns, mit unserer Freundin perfekt spanisch. Und englisch, französisch und arabisch gingen auch noch. Also fünf zu Auswahl – unglaublich! Wie schafft es der eine und so viele andere eben nicht. Diese Unterschiede!
Am Parkplatz in Fes braust plötzlich ein Auto an. Ein Mädchen, ohne Kopftuch und westlich gekleidet, steigt wild gestikulierend aus. Mit ihr ein Mann, der Vater denke ich. Sie stürmen auf einen jungen Burschen zu, es wird geschrien, Schläge werden angedroht. Hat der Junge das Mädchen belästigt? Ist es der Bruder, der gescholten wird? Ich weiß es nicht. Alles so, als ob es ganz normal wäre, es so auf offener Straße auszutragen. Wir erleben eine Gesellschaft im Wandel zur Moderne und doch tief verwurzelt in ihren Traditionen.
JA, manches ist wohl besser geworden, erzählt der Fischer Abdul in gutem Englisch. Er könne auch medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, weil er 20 Jahre beim Militär gedient hätte. Andere könnten dies aber nicht, die müssten dafür bezahlen. Aber die Rente ist trotzdem zu knapp für seine Frau, ihn und seine 7 Kinder. Deshalb fährt er nachts mit dem Boot hinaus aufs Meer. Mit deutlich über 70 Jahren !
Zuletzt in Asilah nochmal ein Taschenverkäufer, zahnlos, das Alter schwer schätzbar. Er sei aus dem Sudan, erzählt er in passablem Englisch. Ich verhandle gut, brauche ich doch eigentlich gar keine Tasche mehr. Wir geben ihm unsere letzten zwei Paar Turnschuhe, die wir als Geschenke noch im Gepäck haben, zwei Plüschtiere - und ein Bier. Immer wieder dieser Zwiespalt, man wird ihn nie ganz los.
Mein Reisekoffer ist wieder voll – Blicke in eine andere Welt, vielleicht ein bisschen Gespür für eine andere Gesellschaft. Wir fahren die letzten Kilometer bis zur Fähre. Im Radio spielen sie „Holly Jolly Christmas“ – so etwas katapultiert mich geradezu in meine heimatliche Galaxie. Und ich bemerke, sehr ich mich auf zu Hause freue … während all das Erlebte und diese Eindrücke noch ihre Einordnung suchen.