Letzte Tage im vielleicht besten Reiseland überhaupt

Doghubayazit – Tuzluca – Ani – Kars

 

Je weiter man nach Osten kommt, desto rauer wird die Landschaft. Eine von Vulkanen und Erdbeben geformte Region, die heute noch ausgeprägten Wetterextremen trotzen muss. Man sieht der Landschaft an, dass die Winter kalt und lange sind, die Dachformen, das gestapelte Feuerholz, irgendwann dann nur noch der gestapelte Rinderdung geben Zeugnis davon. Die Landschaft erinnert an Bilder der Mongolei – Pferde stehen einsam auf ewigen Weiten. Alles wirkt von Kilometer zu Kilometer einsamer und abgeschiedener. Ein Umstand, der auch die Menschen formt? Vielleicht härter macht? Wir können das schwer beurteilen, nur eines steht fest, der Kontakt zu ihnen nimmt zwangsläufig ab, weil wir ihnen einfach nicht mehr so häufig begegnen. Die Bevölkerungsdichte wird spärlicher, Bauerngehöfte begleiten unser Fortkommen, das Leben der Menschen findet fast etwas im Verborgenen statt.

Noch einmal besuchen wir den Ishak-Pasha-Palast in Doghubayazit. Die Stadt hat eine lange Geschichte, einst herrschten hier Perser, Römer, Araber, Armenier und Byzantiner, alle nutzten sie die Ebene als Rastplatz vor ihren Zügen in die Berge. Der osmanische Verwalter Ishak Pascha ließ dann zwischen 1685-1784 den Palast erbauen. Seine außergewöhnliche Architektur vereint Einflüsse alter seldschukischer Moscheen mit jenen armenischer Kirchen, vervollständigt mit Ornamente des zeitgenössischen osmanischen Stils. Nicht umsonst erinnert es uns an den Topkapi-Palast in Istanbul. Wir waren ja erst vor 2 ½ Jahren hier, als unsere Reise uns entlang der alten Handelsroute nach Täbris und weiter in den Iran führte. Aber schon während dieser kurzen Zeit haben sich die Straßen hierher abermals verbessert – sind neu und breiter. Vierspurig und kaum befahren! Man fragt sich nur, wozu?? Wieder drängt sich der Gedanke auf, dass alles nur zum Zwecke eventueller neuerlicher Kriegshandlungen gedacht ist. Wir befinden uns ja in unmittelbarer Grenze zum Iran und v.a. nach Armenien. Unser Standplatz etwas unterhalb des Palastes ist hervorragend, ich genieße den Blick auf das Serail, während Christian sich per Motorrad auf die Suche nach dem besten Blick auf den Ararat macht – und fündig wird. Wir haben diesen neuerlichen Besuch also keineswegs bereut.

Aber da wir immer auch mal was Neues entdecken wollen, wird es diesmal die Salzmine von Tuzluca. Was mit einem unscheinbaren Eingang beginnt, öffnet sich in einer großen, einer Kathedrale ähnlichen Halle, die spektakulär ausgeleuchtet ist. Nur in Bogotà, Kolumbien, haben wir bisher Vergleichbares gesehen. Hier, in Tuzluca wird immer noch Salz abgebaut und anscheinend werden auch noch weitere Stollen für den Tourismus geöffnet. Durchaus einen Besuch wert, weiter auf unserem Weg entlang der iranisch-armenischen Grenze. Unser naächster Standplatz an den Rainbow-Hills, bringt Farbe in den sonst zum Teil sehr verwaschenen Anblick der ostanatolischen Hochebene. Ruhig und entspannt auf kleiner Wiesenfläche an einem Bach verbringen wir eine Nacht, bevor wir nach Ani kommen.

Ani war einst Hauptstadt des armenischen Königsreiches. Heute ist sie eine Geisterstadt und nur noch wenige Bauwerke geben Zeugnis armenischer Architektur. Einzige „Bewohner“ sind türkische Grenzsoldaten, die von ihren Wachtürmen herunter spähen. Vor 40 Jahren, als Christian das erste Mal hier war, wurde ihnen noch tunlichst verboten, die Kamera Richtung Armenien zu richten. Heute schert sich da niemand darum. Wahrscheinlich ist ohnedies alles und jeder überwacht, dass es also keiner besonderen Restriktion mehr bedarf. Wer Verfängliches mit seiner Kamera einfängt, ist ohnedies dran, am Radar erfasst!

Kars, die letzte größere Stadt vor der Grenze, bedeutet für uns nur einen kurzen Stop. Einkaufen, ein Besuch im Käsemuseum und ein Mittagessen …. Nichts Besonderes – und mehr gibt diese Stadt auch nicht her. Und ich erinnere mich an Orhan Pamuks Bestseller „Schnee“, während wir durch die Straßen der Stadt spazieren. Nicht an die Kriminalstory seines Romans, sondern an die bedrückende Stimmung, die er darin vermittelt. Und nun ist es heute nicht mal winterlich kalt und schneit unaufhörlich, wie bei Pamuk, und trotzdem hat die Stadt etwas Morbides, Endzeitliches. Ja, was Bilder und Geschichten im Kopf so alles kreieren – es ist oft nicht real, entspricht nur so einem Gefühl ... womit es ja dann doch wieder real wäre. Für uns kein Ort, an dem wir verweilen möchten. Weiter geht es an die Grenze …. ein neues unbekanntes Land liegt vor uns….:)